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Epigenetik

was Schlechtes Essen und Süchte mit der Gen-Expression zu tun haben

Ich bin süchtig. Nach Süßigkeiten. Zur Zeit rauche ich nicht. Es ist mein 12. Rauchstopp. Oder soll ich sagen: „Pause“, denn so geht es seit mehr als 20 jahren. Dabei weiß ich: Essen ist Medizin. Schlechtes Essen ist schlechte Medizin!
Was sind deine Süchte? Welche „Genüsse“ müsstest du eigentlich weglassen, damit es dir besser ginge? Warum ist es so schwer, das Richtige zu tun? Warum kann mein Bekannter nicht seine Ernährung umstellen, obwohl man mit Sicherheit weiß, dass Diabetes wie kaum eine andere Erkrankung auf eine Diät ohne Zucker überwältigend positiv anspricht (sei es Keto oder Rohkost)? Warum fange ich jedes Jahr wieder an zu rauchen, obwohl Nikotin ein Nervengift ist, und ich mit MS darauf definitiv verzichten sollte? Man weiß, dass Menschen, die in der Kindheit Vernachlässigung und Missbrauch erlebt haben, für Süchte anfälliger sind.

In PET-Aufnahmen von einem gesunden Gehirn sieht man das Belohnungszentrum aufleuchten, wenn Dopamin – dieser fantastische, lustvolle, genußvolle Neurotransmitter – sich mit Dopaminrezeptoren verbindet. Das gleiche Zentrum leuchtet auf, wenn irgendeine Sucht befriedigt wird: Ob Heroin oder Zucker (Zucker macht abhängiger, als Kokain, vgl. Oreo-Studie1). Die meisten von uns haben eine Abhängigkeit von einem oder mehreren Lebensmittel. Überraschenderweise gilt der „Jieper“ nie dem Grünkohl. Die Voraussetzungen für eine Sucht sind: Gaumenschmeichelnd weich oder knusprig, zuckerhaltig, salzig, fettig. Also Junk Food.

In den PET-Scans sehen wir Schäden am Belohnungszentrum, wenn eine Sucht vorliegt. Süchte kapern und verändern das Belohnungszentrum. Daher braucht man immer mehr von der Substanz, um eine Wirkung zu spüren. Und irgendwann ist gar keine Wirkung mehr da, sondern nur die Angst davor, die Droge nicht mehr zu bekommen, Angst vor den Schmerzen der Entwöhnung. Ob Kokain oder Junk Food: Die Schäden sind die Gleichen.
Es ist womöglich leichter, von Kokain frei zu werden. Essen muss man ja weiterhin. Und in fast allen Artikeln des Supermarktes ist Zucker drinne. Der Fix kann so schnell wieder passieren. Zuckerfrei bedeutet oft: Voll von etwas anderem, was meine Ur-Oma nicht als Lebensmittel erkannt hätte.
Aber das Belohnungszentrum ist nicht das einzige, das Schaden nimmt. Der präfrontale Cortex, auf den wird auch durch die Sucht eingeschlagen. Er sitzt hinter deiner Stirn. Er ist der Streber, der Kluge, er ist der Vorstand von unserem Gehirn. Er organisiert, legt Strategien zurecht, sorgt für Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.

Er bietet der Impulsivität, der Ungeduld und dem Gernevt-Sein sozusagen die Stirn. Sucht schädigt ihm. Das ist nicht so gut. Was sonst schädigt dem präfrontalem Cortex? Stress! 2 und Schlafmangel. Es mag sein, dass du keine Süchte hast. Wenn du aber Stress und / oder Schlafmangel duldest, dann schädigst du deinem Gehirn, als wärest du ein Junkie. Und alle drei zusammen bilden den sichersten Weg, um Zivilisationserkrankungen und einen sehr dicken Bauch zu erlangen. Und dabei auch noch genervt, unachtsam und verwirrt zu sein.
Was ist Epigenetik und was hat es mit den Schäden zu tun, die Süchte anrichten? Zum einen ist es – neben der Mikrobiom-Forschung – das heißeste Thema der Wissenschaft zur Zeit. Bis jetzt lehrten uns die Forscher, dass unsere DNA uns bestimmen und dass daran nicht zu rütteln sei. Die Gene seien unser Schicksal, sagten sie. Die Epigenetische Forschung sagt etwas ganz anderes (und die Mikrobiom-Forschung sagt das Gleiche): „Jeder Gedanke, jeder Bissen meines Essens, jeder Schritt meines Körpers – mein Lifestyle – ÄNDERN den Ausdruck meiner Gene und somit mein Schicksal.
Die Agouti-Mäuse mussten als erste dran glauben3. Mäuse, die zum Tode verurteilt waren. Das Agouti-Gen macht Mäuse fett, energielos und gelb. Sie sterben für gewöhnlich sehr früh. Die Forscher gaben den Mäusen grüne Pflanzen zu essen. Grünes Gemüse und Pflanzen können etwas, was man „Methyl-Donation“ nennt. Ein Organ-Donor in Grün. Die Babies der Mäuse, die mit Grün gefüttert wurden, waren gesund. Die Methyl-Donation – die Methylisierung ihrer Gene – hatte das Agouti-Gen ausgeschaltet. Manche Ärzte und Patienten wollen nicht 10 Forschungsjahre abwarten, bis bewiesen ist, dass Methyl-Donation auch für Menschen funktioniert. Und es gibt schon die ersten mut-machenden Berichte von Erkrankten.
Die beeindruckendste unter ihnen ist Betty Lou Sweeney. Einst 125 kg schwer, 68 Jahre alt, 26 Medikamente einnehmend. Sie endete auf der Intensivstation mit u.a. akutem Nierenversagen. Dann hatte sie einen Geistesblitz. Sie machte einen kalten Entzug von all ihren Ess-Süchten. Sie machte Stopp mit allen anderen Anhängigkeiten. Sie machte Sport. Es dauerte 2-3 Jahre, bis sie Besserungen spürte. Jetzt findet man sie im Guiness Buch der Rekorde. Sie kann die Bretthaltung („plank“) am längsten von allen halten: 37 Minuten. Ich schaffe an guten Tagen 2 Minuten.

1 Dr. Joseph Schroeder „Are Oreos Addictive? Nucleus Accumbens C-Fos Expression Is Correlated with Conditioned Place Preference to Cocaine, Morphine and High Fat/Sugar Food Consumption“University of Connecticut 2013

2 Wenn du meine Newsletter und Artikel kennst, dann weißt du auch, dass mein wichtigster ratschlag für chronisch Kranke Menschen ist: „aktive Entspannung“ üben. Weil Stresshormone jede Erkrankung verschlimmert, ja sogar mit verursacht.

3 Nutr Rev. 2008 Aug; 66(Suppl 1): S7–11. The agouti mouse model: an epigenetic biosensor for nutritional and environmental alterations on the fetal epigenome. Dana C Dolinoy