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Was Patanjali wusste

Das Yogasutra von Patanjali ist ein zentraler Ursprungstext des Yoga. Es wurde von Patanjali verfasst, wobei Unsicherheit besteht, ob dies 500 VOR Christus oder 200 NACH geschah! Die bis dahin mündlichen Lehren weisen große Ähnlichkeiten mit dem Buddhismus auf, wobei auch ungeklärt ist, wer von wem inspiriert wurde. Ich habe mich mit beiden „Erklärungsmodellen“ eingehend beschäftigt: Den Diamantenweg des Buddhismus und dem Yogasutra. Für mein Erleben in der Meditation sind Begrifflichkeiten unbedeutend. Für mein alltägliches Leben in den restlichen 23 Stunden brauche ich hingegen jede Unterstützung, die ich bekommen kann. Und so will ich mit dir teilen, welche „Perlen“ ich von Patanjali erhalten habe. Vielleicht findest auch du Trost und Inspiration.

Wenn du meine Arbeit längere Zeit verfolgst, weißt du, dass Yoga nicht nur die körperlichen Übungen umfasst. Es war in alten Zeiten sogar so, dass Yogis eigentlich nur deshalb die Dehnübungen machten, um körperlich in der Lage zu sein, stundenlang in Meditationshaltung zu sitzen. Die anderen Säulen des Yoga (Ernährung, Atemkontrolle, Entspannung etc.) haben einzig und alleine das Ziel, den Körper so gesund und biegsam zu halten dass die Voraussetzungen geschaffen werden können, den Geist zu befreien, das Leid zu beenden und Erleuchtung zu erlangen.

Das wäre mal interessant, dieses Streben wieder in die Fitness-Studios zu bringen.

Die ständige Unruhe des Geistes ist ein unumstößliches Naturgesetz. Sich damit zu identifizieren ist es nicht  (Michelle Laise)

Im allerersten Sutra sagt Patanjali: „Yoga ist das zur Ruhe kommen der Gedanken im Geist, dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen“.

In den folgenden erklärt er, welche Techniken wir dafür nutzen können. Du ahnst schon, dass Meditation dazu gehört. Ich möchte gerne alle diejenigen, die behaupten, sie könnten nicht meditieren, ermutigen, weiter zu lesen: Meditation muss nicht dem antiquierten Bild entsprechen, die manche vertreten. Es gibt nur EINE richtige Meditationstechnik, und das ist deine ganz eigene. Wie du sie findest, dazu kommen wir noch. Ganz profan und simpel bedeutet Meditation „konzentrieren lernen“ . Im Sanskrit bedeutet Meditation „Ehrerbietung“. Da auch das antiquiert riecht, können wir auch Liebe dazu sagen. Und warum ist Meditation wichtig? Der menschliche Geist ist von Natur aus wie die Oberfläche eines Sees. Nie ruhig, immer von etwas gestört. Es ist einfach ein Naturgesetz. Daran wird Meditation auch nichts ändern, und das ist ganz in Ordnung so. Denn, in der Tiefe des Sees, des Geistes ist es ruhig: Unruhe und Ruhe existieren gleichzeitig in uns. Unser Fokus entscheidet, was wir erleben. In letzter Zeit durfte ich diese Erfahrung machen. Es war wiederholt möglich, mitten in einer Panik-Attacke die Ruhe und das Einssein der Meditation zu erleben. Ziemlich abgefahren!

Der Geist ist nur nützlich, um weltliche Angelegenheiten zu erledigen (und manchmal nicht mal das). Um Befreiung vom Leid zu finden, taugt das Denken nicht. Wenn der Geist unruhig ist, identifiziert er sich mit seinen Gedanken und das bringt gelegentlich Wohlgefühle aber die meiste Zeit viel Schmerz mit sich. Also brauchen wir Yoga. Patanjali schreibt, einem Weisen genüge schon seine erste Zeile/ Sutra. Ich bin leider nicht weise…und muss weiter lesen. Darüber, was Gedanken sind und wie man sie zur Ruhe bringt.

Patanjali schreibt, dass alle Probleme im Geist hiermit anfangen:

  1. Unwissenheit (Avidya)
  2. Ich-Identifikation (Asmita)
  3. Wollen & Nicht-Wollen (Raga & Dvesha)
  4. Angst vor dem Tod (Apanivesha)

Ohne die Unwissenheit können die weiteren Leiden nicht entstehen. Unwissenheit ist Quelle allen Leids. Denn die Ur-seele (Purusha) hat vergessen, dass sie Purusha IST. Die ständigen Veränderungen dieser Realität (Prakriti, die eigene Schöpfung der Ur-Seele) haben sich scheinbar gegen sie gewandt. Unwissenheit darüber, wer wir wirklich sind, und das daraus folgende Leiden, scheint Zweck dieser Ebene zu sein, auf der wir uns befinden. Im Kern jedoch – in meinem und in deinem Kern – sind wir Purusha. Die Ur-Seele. Wir sind unsterblich, allwissend, allmächtig, niemals verletzt, niemals verloren. Das Drama kann also erst seinen Lauf nehmen, wenn wir uns getrennt fühlen, und das um uns herum als ein Objekt sehen, das wir entweder wollen oder nicht wollen. Wenn wir Veränderungen hingegen begrüßen und beharrlich üben, unseren Geist zur Ruhe zu bringen, dann können wir uns wieder als Purusha erfahren und Avidya (die Unwissenheit) überwinden.

Die Unwissenheit. Wie überwinden wir sie? Es geht viel darum, inkorrektes Wissen über unser Selbst abzustreifen. So viel „Mist“ haben wir allein schon durch unsere Sozialisierung und Erziehung in einem perversen Wirtschafts- und Religionssystem über uns gestülpt bekommen. Unterscheidungskraft (Viveka) ist also unser Werkzeug Nummer 1, um zu erkennen „Was bin ich, was bin ich nicht?“. Wir brauchen dazu kompetente Zeugenaussagen von Meistern und Heiligen, die selber Befreiung erlangt haben. Wir müssen lernen, unsere direkte Wahrnehmung – ohne Vorurteile – einzusetzen, um zu korrekten Schlussfolgerungen zu kommen. Beispiel: „Ich sehe Rauch“ ist eine direkte Wahrnehmung ohne zusätzliche Schreckensszenarien. „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“ wäre eine korrekte Schlussfolgerung. Zusätzliche automatisierte Gedanken, wie Überlieferungen (Feuer ist immer tödlich), Erinnerungen (Onkel Hans ist im Feuer gestorben), Vorurteile (Schwelbrände sind kaum zu löschen) und Vergleiche (Feuer treffen immer nur unsere Familie) sind nur verwirrend und Leid bringend, können uns sogar handlungsunfähig machen. Und das ist im Falle eines Feuers nun wirklich nicht von Vorteil. Automatisches Denken muss im Keim erkannt und „erstickt“ werden.

Um wirkliche Unterscheidungskraft zu entfalten, müssen die Gedanken zur Ruhe gebracht werden. Patanjalis Rezept lautet:

  1. Tägliches, diszipliniertes, beharrliches Üben (Abhyasa) und zwar bezogen auf
  2. Wunschlosigkeit (Vajragia). Sie ist nicht der weltliche Verzicht eines Einsiedlers, sondern die Freiheit zu entscheiden: „Will ich diesem Gedanken nachgehen, oder nicht“.
  3. Selbst-Erforschung, Selbst-Achtung (Swatyaya), um den Verstand zu überwinden
  4. Spirituelles Handeln (Kriyas), das sich zusammensetzt aus-Der unbedingte Wille, sich spirituell entwickeln zu wollen: Es ist kein äußeres Entsagen, sondern eher eine innere Loslösung-Studium der Schriften; Wir benutzen sie, um über die Begrenzungen der Konzepte hinaus zu gehen.- Hingabe an Gott: Wie auch immer diese Aussehen mag, aber es ist gut sich als Teil des großen Ganzen zu sehen und sich einer höheren geistigen Macht unterzuordnen. Patanjali spricht sehr pragmatisch von Gott, und er lässt das Konzept sehr offen.

Befreiung ist ein Zustand den wir nicht willentlich herbeiführen können. Wir öffnen durch das Kriya Yoga eine Tür in ein höheres Bewusstsein, in das wir bei totaler Konzentration (Dharana) zunächst hineinfallen (Dhyana) um da heraus gehoben zu werden (Samadhi). Die Ursachen des Leidens werden in den weiteren Versen noch genau erläutert, aber mit Kriya Yoga brauchen wir uns darum nicht weiter zu sorgen, so verspricht es Patanjali.

Die Motivation auf dem spirituellen Weg ist zweifacher Natur:

  1. Man ist so tief in das Leiden der Welt und die Unsinnigkeit eines materiell orientierten Lebens eingesunken, dass man sich auf ein höheres Ideal besinnt. Man wird sozusagen „von unten gedrückt.“
  2. Man ist so inspiriert von den Lehren oder einem Meister, dass man „von oben hoch-gezogen wird.“

Wenn du nicht schnell genug weiter kommst auf dem Weg, wäre die Frage ob du inspiriert genug bist, oder ob du noch nicht genug gelitten hast…Eine provokante Frage. Wer würde freiwillig sagen „ich brauche mehr Leid“? Für Befreiung ist Leid aber hervorragend geeignet. Mehr, als uns lieb ist.

Patanjalis System zur Befreiung erfolgt in 7 Schritten, die ich für mich etwas ausformuliert habe:

  1. Ich weiß, Leben ist Leiden und ich habe genug davon
  2. Ich weiß, die Ursache ist Unwissenheit und ich bekämpfe sie entschieden
  3. Ich kenne den Weg heraus: Unterscheidungsfähigkeit & Wunschlosigkeit
  4. Ich fokussiere auf eine höhere Wirklichkeit, Zweifel lasse ich ziehen, ich bin inspiriert
  5. Ich löse die Fixierung von „ich, mich, meins“ und fokussiere auf das Bewusstsein dahinter
  6. Ich weiß, alles ist in ständiger Veränderung. Ich halte an nichts fest und lehne nichts ab
  7. Ich bin alles, was ist. Nichts ist getrennt von mir. Ich erinnere mich an mein wahres Selbst. Ich verweile mühelos in dem, was ist.

Nun zum versprochenen „es gibt nur DEINEN Weg, wenn es ums Meditieren geht“. Unzählige Schülerinnen von mir erzählten, sie könnten nicht meditieren. Das Problem ist, dass wir diese Vorstellung von gekreuzten Beinen und 20 Minuten still sitzen als Ideal haben. Und während das für viele Menschen eine ausgezeichnete Methodik ist, so wird es zum Hindernis, wenn wir denken, es gäbe nur diese traditionelle Möglichkeit. Ich erwähnte oben, dass Meditation aus Sanskrit „Eherbietung“ bedeutet. Das ist eine gute Nachricht, denn es heißt im Umkehrschluss, dass DAS, was du liebst, deine Meditation ist. Vielleicht meditierst du also schon seit vielen Jahren, ohne es als solches kategorisiert zu haben. Ich fragte also meine Schülerinnen, was ihre Lieblings-Hobbies seien. „Stricken, Zeichnen, Gartenarbeit, Joggen“ waren einige Antworten. Etwas zu tun, was du liebst, beruhigt oft die Gedanken und erfüllt dich mit…ja – Liebe! Wenn du noch dazu darauf achtest, TV und Telefon auszuschalten, und die Gedanken, die deine Aufmerksamkeit nach Außen ziehen wollen, liebevoll passieren zu lassen, dann meditierst du. Wenn du jeden Tag 10 Minuten so verbringst und auch noch dazu tiefe Atemzüge erlaubst, dann hast du es!

Teil II