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Was Patanjali wusste. Teil II Psychohygiene

 

Es sind harte Bedingungen: Unser Affen-Hirn orientiert sich in jeder Sekunde nach Außen, wir haben vergessen, wer wir sind, und die sich ständig verändernden Bedingungen lassen kaum Ruhe zu. Ruhe, um uns zu erinnern. Während also Meditation unser wichtigstes Werkzeug ist, um die Gedanken zu beruhigen und die Oberfläche des Sees zugunsten tieferer Erkenntnis zu verlassen, so spricht Patanjali davon, dass alles nicht von Dauer ist, wenn wir uns nicht an den universellen Geboten (Yamas) halten. Die Verletzung der Gebote verhindern das Einssein. Ich habe bewusst das Wort „Gebote“ gewählt, denn die Ähnlichkeit mit denen der christlichen Tradition ist da und es geht um den Umgang mit anderen Menschen:

Ahimsa (Gewaltlosigkeit)

Satya (Wahrhaftigkeit)

Asteya (nicht stehlen)

Bramacharya (Enthaltsamkeit, gottesgleicher Lebenswandel)

Apiragrahah (keine Anhaftung, kein Horten)

Noch mehr Leiden und noch mehr Unwissenheit kreieren wir, wenn Wort und Handeln nicht mit diesen ethischen Grundsätzen im Einklang sind.

Zum Umgang mit uns selber hat Patanjali die Niyamas aufgelistet. Die Psychohygiene, die wir kultivieren sollten, beinhaltet:

Saucha (innere und äußere Reinheit pflegen)

Samtosha (Zufriedenheit mit dem, was man hat)

Tapas (Disziplin der spirituellen Praxis)

Svadhyaha (Reflexion und Selbstbetrachtung)

Ishvarapranidhanana (Vetrauen & Hingabe an eine höhere Macht)

Wenn du meinen Text hier liest, hast du mit ziemlicher Sicherheit keine Probleme, die Yamas einzuhalten. Vermutlich bist du eine Frau, hast irgendeine schwere Krankheit, oder pflegst jemanden mit einem schweren Schicksal. Du bemühst dich, freundlich zu jedem zu sein, bist überkorrekt, hast vielleicht eher das Problem, dass die Menschen um dich herum die Yamas nicht einhalten. Die meisten Frauen sind gelinde gesagt sehr negativ vom Turbo-Kapitalismus beeinflusst, während ihre Fürsorglichen Leistungen als selbstverständlich, gar als wertlos, hingenommen werden. Was wir Frauen allgemein wegen unseres Geschlechtes erdulden mussten und müssen geht auf keine Kuhhaut. Viel wichtiger für uns sind also die Niyamas, damit wir gesund bleiben. Damit wir die Basis für unsere geistige Befreiung stark halten.

Und wie steht es da mit der Gewaltfreiheit dir selbst gegenüber? Wie oft redest du so mit dir selber, wie du es nie mit anderen wagen würdest, einfach, weil es derbe gemein wäre? Wie oft kommen automatisierte Gedanken voll Selbstzweifel, Selbst-Kritik, Selbst-Hass? Wie oft hast du während des Lesens dieser Zeilen gedacht „Ja, Befreiung wäre schön, aber ich bin wahrscheinlich zu doof, zu unwichtig, zu verkehrt dafür…ich bin wahrscheinlich nicht gemeint, wenn die Rede von Einssein und göttlicher Herkunft ist. Ich bin die Ausnahme vom Einssein“? Ich frage, weil es mir so ging und teilweise noch geht. Außer in der Meditation. Ich bin quasi eine stundenweise Befreite. Noch immer tun die automatisierten und jahrelang gepflegten Zweifel das, was sie am besten können: Zweifel sähen.

Auch dafür hat Patanjali ein Rezept. Und es erinnert mich ein bisschen an meine eigenen Versuche, dem Gefühl der Armut zu entkommen, indem ich als Kind in die Chanel-Boutique in Kopenhagen stolzierte und auf die Nachfrage, ob man mir helfen könne, antwortete „Ja, Gibt es diese Jacke auch in meiner Größe?“ (damals hatte der teuerste Klamottenladen unserer Hauptstadt keine Kindergrößen, aber das störte mich nicht). Was sagt also Patanjali zu dem Fall, dass wir Schwierigkeiten mit den Yamas/ Niyamas haben?

  1. pakṣa-bhāvana Das ergründen des Problems: Zeugenbewusstsein kultivieren, also aufmerksam die peinigenden Gedanken betrachten, im Körper aufspüren („wo im Körper fühle ich den Selbsthass? Wo nicht?“), wie ein Detektiv die Auswirkungen ohne Wertung dokumentieren. Aber kein Zuhause dort einrichten!
  2. pratipakṣa-bhāvana Das beleuchten des Gegenteils. Der Fokus auf mein Problem bringt noch mehr Problem…und ein Problem kann ehe nicht auf der Ebene des Problems gelöst werden. Mit aller Kreativität, die zur Verfügung steht, befasse ich mich mit der gegenteiligen Position. Wenn ich leide, weil ich von Trauer übermannt wurde, kann ich vielleicht nicht sofort den Schalter umlegen und Lebensfreude in all ihren Aspekten visualisieren, praktizieren, zelebrieren. Hier spielt die Selbstreflexion eine wichtige Rolle. Was ist die kleinste Menge Freude, die ich mir in diesem Zustand zumuten kann? Rabenschwarze Komödien sind da bei mir hilfreich. Also kann „Netflixen“ eine spirituelle Praxis sein!

Unseren Fokus verändern

Aufheben von Negativität durch das Beleuchten des Gegenteils. Der Fokus auf mein Problem bringt noch mehr Problem…und ein Problem kann ehe nicht auf der Ebene des Problems gelöst werden. Mit aller Kreativität, die zur Verfügung steht, befasse ich mich mit der gegenteiligen Position.

Wie kann dieser Fokuswechsel – außer Netflixen, was zu Patanjalis zeit nicht verfügbar war – gestaltet werden? Dazu springe ich zu Kapitel 3 und stelle dir die Samyama Technik vor. Samyama ist die geistige Konzentration auf ein Objekt, Subjekt, Gegenstand oder Konzept. Worauf du dich konzentrierst, das verstehst du. Was du verstehst, das liebst du. Die Eigenschaften des Konzentrationsobjektes können so laut Patanjali auf dich übertragen werden. Die Stufen sind

  1. Affirmation z.B. „Om Gleichmut“ / „ich fühle Gleichmut“
  2. Logisch über Gleichmut nachdenken „was ist Gleichmut, wie sieht Gleichmut aus, warum ist es mir wichtig, was gehört dazu? welches Tier verkörpert Gleichmut, welche Person? Welche Pflanze?
  3. Visualisiere ein Kraftfeld voller Gleichmut und stelle eine Kopie von dir gedanklich hinein. Stelle dir vor, Gleichmut aus dem Kraftfeld füllt diese Kopie von dir auf. Wie fühlt sich deine Kopie? Was tut sie? Wie handelt sie?
  4. Werde eins mit der Kopie von dir, die voller Gleichmut ist. Gib dich hinein in die Kopie, in dein gleichmütiges Selbst und erlebe das Gefühl von innen. Verschmelze und fühle.

Manchmal bin ich so blockiert, dass eine solche „Übung“ mich überfordert und nicht gelingt. Dann nutze ich – ja, auch Netflix – aber auch Tratak. Ich setze mich 20 min. vor eine Kerze (Licht-Repräsentation!) und starre hinein. So kann mich das Licht doch erreichen. Ist auch eine Form der Verschmelzung mit einem Ideal, das den Fokus verändert, ohne jedoch zu viel Gehirnleistung abzuverlangen.

Ich habe vor einigen Monaten eine ähnlich geartete geführte Meditation aufgenommen, die sich auf “Selbstbewusstsein” bezog, die kannst du hier abrufen und für dein Thema abwandeln:

Selbstbewusstsein

Chitti, die ein großes Leuchtturm in Sachen „es gibt ein Leben nach dem Zusammenbruch“ für mich ist, (Instagram @chitterlove) sagt: „Sei nett zu dir selber, damit die Freude dich finden kann“. Selbst, wenn du, wie ich, jahrzehntelang Selbsthass praktiziert hast, ist es möglich, das Ruder umzureißen. Es sind nur Gedanken, keine Urteile.

Wir fragen einander „Wie geht es dir? – Wir sollten fragen „Wer bist du?“ (Michelle Laise)

Teil I
Teil III