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Das Thema Faszien ist am boomen: Ist es nur ein weiterer Fitnesstrend?

„Ein Trend ist (Faszientraining) nicht. Das aktuelle Interesse an den Faszien basiert nicht auf einer Bewegungsidee. Es basiert auf Untersuchungen und in diesem Zusammenhang auf einer Neubewertung einer seit langem bekannten (Bindegewebs-)Struktur im Körper. Erst seit einigen Jahren ist die Auflösung bildgebender Verfahren fein genug, um eine präzise Messung oder Darstellung der Faszien (…) zu ermöglichen“ (Gunda Slomka: “Faszien in Bewegung, 2014:26).

Warum erwachte aber das wissenschaftliche Interesse an den Faszien, die bislang in der Medizin eher als „überflüssiges Füllmaterial“ betrachtet wurden?
2007 gewann Peter Huijing den Muybridge Award zum Thema „muskuläres Bindegewebe“. Im gleichen Jahr trafen sich viele Bewegungstherapeuten, um das Thema „Bindegewebe“ aufzuarbeiten. Es gibt nämlich viele anatomische Arbeiten aus den 60er/70er-Jahre u.a. vom Max-Planck Institut, doch damals verlor sich das Interesse, da der neue Star am Forscherhimmel -„Molokularbiologie“ – alles andere in den Schatten stellte. 2007 war aber die Zeit gekommen, um mit besserer Ausrüstung herauszufinden, was das Bindegewebe sonst kann, außer „die Körperstrukturen zusammen zu halten“ (G. Slomka, 2014;27). Und es ist eine ganze Menge!

Faszien sind unser 6. Sinn

Sie sind nicht nur passives Füllmaterial, wie man bis vor kurzem annahm: Faszien sind unser größtes Sinnesorgan, dessen Zustand unser physisches und psychisches Wohlbefinden entschieden beeinflusst.
Faszientraining ist nicht gleich Muskeltraining. Zwar bewegen und trainieren viele Muskelübungen die Faszien automatisch mit, aber nicht alle Faszientypen werden berücksichtigt (es gibt parallele, serielle und querverlaufende Faszien). Die Parallel zum Muskel verlaufenden Faszien werden mit normalem Krafttraining weder erreicht, noch gedehnt.  Das sind Perimysien und Epimysien, die bindegwebigen Hüllen um die Muskelfasern. Wir erreichen sie mit Dehnübungen und Dehnübungen kombiniert mit besonderen Muskelanspannung (Dehnspannung: im Dehnzustand den Muskel noch einmal kurz anspannen). Kraft, schmelzende Dehnung, elastisch federnd in der Endposition und  (Selbst-) Massagen ergeben alle zusammen die “Vital-Kombi”!
Aus all diesem ergibt sich, dass wir unterschiedliche Trainingsreize kombinieren müssen. Faszien lieben Bewegung, Dehnung, ebenso wie mechanischen Druck und Zug. Also das mechanische Ausrollen oder Auspressen zwecks Flüssigkeitsaustausches. Das Arbeiten mit Bällen oder Rollen erfüllt genau diesen zweck. Das wirkt wie Selbstmassage und kann Muskelkater und Verspannungen helfen. Ein wichtiges Element kommt noch hinzu: Die Faszien sind unser größtes Sinnesorgan (Interozeption). Die Körperwahrnehmung muss also im Vordergrund stehen, nicht das mechanisch-routinierte Sportprogramm.

Abwechslung im Programm und das neugierige Spüren stellen die Weichen. Faszien wollen Dehnen, Federn, Beleben und Spüren. (Schleip 2014;78). 

Dr. Schleip weist immer wieder darauf hin, dass Yoga-Haltungen (Asanas) in vieler Hinsicht eine gute Möglichkeit bieten, die Funktion der Faszien zu unterstützen, daher findest du im Netz und im “realen Leben” die Begriffe Yin Yoga (geschützter Begriff) und Faszienyoga, den viele Yogastudios für sich nutzen, um zu zeigen, dass sie mit der Zeit gehen. Dabei IST Yoga Faszientraining, wobei wir sehen werden, dass mehr dazu gehört, als schmelzende Dehnungen…
1/5 unseres Körpers besteht aus Fasziengewebe, und das ist gut so, denn ohne würden wir wie ein Pudding zerfließen und unsere Knochen wie ein Mikado-Spiel zu Boden fallen. Wenn man sich fragt, wie viele Faszien es im Körper gibt, lautet die Antwort: EINE EINZIGE! Alles ist mit allem verbunden. Faszien stellen die Verbindung aller Körperteile miteinander her. Doch der alte Begriff “Bindegewebe” wird ihnen nicht mehr gerecht:Sie können noch viel mehr als nur verbinden. Die Faszie kann Elastizität UND Stabilität gleichzeitig gewährleisten! (zitiert nach Yoga Aktuell, Ausgabe 06/2015:45) Speziell die Faszienhüllen um und in den Muskeln sind extrem sensibel: Sie sind dicht gespickt mit Rezeptoren, die jede deiner Bewegungen und Lageveränderungen beäugen und weitergeben. Diese Informationen über deinen Körper nennen wir Tiefensensibilität oder Interozeption. Die diesbezüglichen Signale werden im Insula deines Gehirns weiterverarbeitet, dort, wo Körperwahrnehmung mit Gefühlen verknüpft werden. Mangelnde Bewegung ist EIN Faktor, der zu Verklebung der Faszien führt. Verklebung bedeutet “Schmerz”. Hat sich eine Verklebung erstmal an einer Stelle “festgesetzt”, wirkt sich das auf den Rest des Körperweiten Faszien-Signalsystems aus. Die gute Nachricht ist, dass Faszien auch jahrzehntelangen Bewegungsmangel vergeben. Es gab eine Studie mit 70-jährigen Patienten, die erstaunliche Erfolge nach regelmäßigem und geduldigem Faszientraining aufwies. Man muss aber mindestens ein Jahr regelmäßig (Richtwert minimum 3 x 10 Minuten wöchentlich) dranbleiben. Dann ist eine 80 %-ige Regeneration möglich.

Kein Faszientraining und kein Yoga ohne Spüren

Körperwahrnehmung und Körperselbstbild sind fundamentale Phänomene: Es spielt für viele neurologische aber auch psychologische Krankheitsbilder eine große Rolle. Stichwort „Embodiment“.
Baue feine Änderungen in deine Bewegungen und dein Training ein: Wechsele Lage und Richtung. Gestalte deine  Bewegungen genussvoll und spannend. Lasse dich nicht ablenken beim Üben, konzentriere dich aufs Wahrnehmen. Nur dann passiert im Gehirn ein Lerneffekt. Nur so können sich Veränderungen breit machen.

Myofasziale (Muskel-Faszien-Ketten) Zugbahnen spielen für Koordination und Geschmeidigkeit eine besondere Rolle. Daher müssen sie im Training angesteuert und aktiviert werden. Aus Sicht der Faszienforschung spielen gerade die „Fernverbindungen“ über den ganzen Körper eine Rolle. Das sind:

  • Die oberflächliche Rückenlinie: verläuft von den Füßen (Plantarfaszie) über den Rücken, Nacken, Schädel bis zu den Augenbrauen. Verantwortlich für aufrechte Haltung, und Streckung des Oberkörpers nach oben und hinten.
  • Die oberflächliche Frontallinie: Verläuft von den Zehen bis zum Becken, dann über den Bauch bis in den Hals (Halswender) und zum Schädel. Sie wird zwar am Becken geteilt, ist jedoch im aufrechten Stand wie eine einheitliche Zuglinie. Sie macht Beugen, Heben und Senken des Oberkörpers möglich.
  • Zwei Laterallinien: Verlaufen jeweils seitlich am Körper und klammern beide Außenseiten ein. Sie beginnen an der Außenseite des Fußes, gehen am Fußknöchel herum , an der Außenseite des Beins entlang, dann wie ein Korbgeflecht um die Rippen herum bis zum Kopf. Sie sorgen für Balance, zw. Vorne und hinten, fixieren Rumpf und Beine, sind an der Seitwärts neigung des Körpers beteiligt und bremsen zu starke Neigungen und Rotationen.
  • Die Spirallinie: Windet sich um den ganzen Körper (und macht ein X am Bauch) und ermöglicht Rotation und gegenläufige Bewegungen. Gewährleistet Gleichgewicht in allen Ebenen, sorgt für exakte Spurführung beim Gehen und stabilisiert den Körper.

Die Zugbahnen verlaufen jeweils über die Länge des Körpers und mehrere Körperteile und Extremitäten. Dabei haben sie Haltefunktionen und Bewegungsfunktionen.

Fasziengewebe degeneriert, wenn es nicht gefordert wird (Schleip 2014;70). Die Faszien verkleben regelrecht. Das heißt, dass die Kraftübertragung von Muskel zu Muskel behindert wird, und mehr Energie kostet. Die Körperhaltung leidet, man wird steifer, weil das verfilzte Gewebe nicht mehr wie eine Feder ist, sondern kaum elastisch ist. Zum Teil ist dies eine natürlich Alterserscheinung, denn die Bindegewebszellen  lassen nach. Das kann man allerdings mit Training beeinflussen und verlangsamen. Sogar, wer spät anfängt, kann Verlorenes wieder aufgebaut werden (ob Bindegewebe oder Muskelmasse!). Faszientraining  wirkt aber erst mit der Zeit. Faszien werden langsamer ausgetauscht, als Muskelzellen wachsen.

Aus den Erkenntnissen der Faszienforschung (Stand 2015) ergeben sich vier verschiedene Möglichkeiten, wie du deine Faszien trainieren kannst:

  • Rebound elasticity (zurückfedernde Spannkraft): Federnde Bewegungen, wie Laufen, Hüpfen, Springen. Diese Bewegungen katzenartig und lautlos ausführen, mit Ganzkörperspannung und den Katapulteffekt nutzend.
  • Fascial stretch (fasziales Dehnen): Dehnung über lange Faszienketten, langsam und mit multidirektionalen Winkelvariationen, oder vippend und dynamisch!
  • Fascial hydration (fasziale Flüssigkeitszufuhr): soll die Durchflutung des Bindegewebes mit Wasserermöglichen und wird über die Eigenmassage mit Bällen, Faszienrollen erreicht.
  • Sensory Refinement (Verfeinerung der Sinne): Mikrobewegungen gezielt einsetzen, um “blinde Flecken” im Körper aufzuspüren und Stimulation in die feinsten Faszien-Aufzweigungen zu bringen.                                                                                                                             (aus Yoga Aktuell 6/2015, S.17)

Mehr Infos, spannende Bilder der Faszien und Übungen hier: http://www.gunda-slomka.de/gunda-slomka/videogalerie/ und http://www.fascial-fitness.de/de/faszientraining

Das Buch von Gunda Slomka „Faszien in Bewegung“ Meyer & Meyer Verlag 2014, wurde in Zusammenarbeit mit Dr. Hum. Biol. Robert Schleip und Prof. Jürgen Freiwald geschrieben. Aus diesem Buch habe ich die Chronologie der Trainingsschwerpunkte des Gesundheits- und Fitnesssports (S. 21-22) zitiert, wie sich in der Sportwissenschaft langsam an das Thema Faszien herangetastet wurde:

1970er-Jahre

Das Krafttraining stand im Zentrum der Aufmerksamkeit, man interessierte sich dafür, welche Trainingsreize nötig sind, um Muskelzuwachs zu erzielen: Die Bodybuilder hatten den Dreh der Trainingsanpassung raus.

1980er-Jahre

Das Cardiotraining ist nunmehr im Fokus der Wissenschaft und der Öffentlichkeit. Jane Fonda war die Öffentliche Figur der Aerobic-Bewegung.

1990er-Jahre

Man interessiert sich mehr für Dehnung und Koordination (Yoga fängt an zu boomen)

2000er-Jahre

Stabilisation und Core Stability sind die Schlagwörter, die tiefe stabilisierende Muskulatur wird mit Pilates in diesem Jahrzehnt besonders gern trainiert.

2010er-Jahre

Die Faszien erobern durch aktuelle Untersuchungen die Bühne der Präsenz: Trainer, Therapeuten und Wissenschaftler befruchten sich gegenseitig: Rolfing (n. Ida Rolf 1896-1979) und Ostheopathie (seit 1885), TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) und asiatische Massagetechniken benutzen schon lange intuitiv die Faszienzugbahnen (im TCM entsprechen 80 % der sog Meridiane den Faszienzugbahnen, 80% der Akupunkturpunkte entsprechen den faszialen Durchtrittstellen von Nerv, Arterie und Vene) und Triggerpunkte und erzielten viele Jahrzehnte Erfolge: Jetzt weiß man warum. Und: Die Foamrolls und Blackrolls lassen sich seitdem sehr gut verkaufen, Faszien-Yoga (Yin-Yoga) kommt auf den Markt.

Mehr über Faszien kannst du hier lesen http://www.zentrum-der-gesundheit.de/faszien-ia.html