Project Description

Bewegung ist Veränderung

-von Gedanken zu Gelenken

Ihr wisst alle, wie mir tägliche Bewegung seelisch und körperlich hilft. Ich beschäftige mich unentwegt damit, mich beweglich zu halten (auch im Geiste). Mit MS ist es für mich die allerwichtigste Aufgabe überhaupt. Letztes Wochenende habe ich ein Seminar besucht. Ich hatte keine Ahnung, worum es gehen würde: Nur der Titel hatte mich angesprochen: „Die inneren Schalter -und plötzlich wird vieles leichter“. Die Rossini-Kohärenz-Methode von Dr. Peter Bergholz. Ich hätte nicht erwartet, dass ich den ganzen Seminar-Tag über im 6/8 Takt tanzen, beziehungsweise „grooven“ würde… Was Rhythmik mit Entspannung zu tun hat und warum Bewegung Veränderung bringt, das erfuhr ich auf eine eindrucksvolle Art und Weise, sodass ich nun jeden Morgen 6-8 Minuten zu „Norwegian Wood“ von The Beatles die Taktung meines Nervenkostüms stimmig gestalte.

Ihr habt alle bestimmt auf meiner Website gelesen, wie wichtig es ist, den Parasympathikus zu aktivieren (Stichwort Entspannung). In unserer Gesellschaft ist meistens der auf Dauer nicht so sympathische „Sympatikus“ dauer-aktiv, was unsägliche negative Folgen für die Gesundheit und das Seelenleben hat. Man kann nicht „ein bisschen“ gestresst sein. Eins von beiden regiert unser System gänzlich und es liegt in unserer Hand, wer! Entspannung ist ein aktiver, bewusster Vorgang und will gelernt sein. Und Entspannung will geübt und genutzt werden, ansonsten verkümmert sie. Sie ist nicht anders, als alle anderen Körper-Strukturen: Use it or lose it! Nun kannte ich die drei Entspannungsgesetze, die uns im Yoga beigebracht werden 1 und viele verschiedene Entspannungskonzepte, die darauf aufbauen. Trotzdem war mir vieles neu und wesentlich besser umsetzbar druch Dr. Bergholz´ „Dynamische Entspannung“.

Gestresst sein ist ein ungünstiges Muster und wir wissen es alle. Der menschliche Geist (und das gilt für alle Veränderungen) lässt aber nur dann eine Unterbrechung -selbst eines ungünstigen – Musters zu, wenn es eine Alternative gibt. „Einfach aufhören“ gibt es in der Psyche nicht. Wenn der Sympatikus aktiv ist, können wir nur denken, nicht fühlen. Das Denken kann durch ihn nur noch zugespitzter werden, bis es zum Tunnelblick kommt. Ist der Parasympathikus hingegen aktiv, dann können wir fühlen. Erst dann können innere Bilder entstehen. Deshalb ist es manchmal schier unmöglich, eine Entspannungstechnik auszuüben, die „innere Bilder“ als Instrument nutzt: Man ist einfach zu gestresst dafür. Das kennen viele von euch. Wir können auch nicht mit Gedanken Einfluss auf das Denken nehmen. Obwohl viele Selbsthilfebücher in den letzten Jahren uns das weismachen wollten, erklärt Dr. Bergholz. Wir können aber ein „Körpermilieu“ herstellen, wo Aufregung unmöglich ist. Im Gehirn gibt es einen großen Bereich, der für das Denken zuständig ist. Vereinfacht ausgedrückt liegt darunter das limbische System (Verarbeitung von Emotionen). Das limbische System beeinflusst das Denken! Und was beeinflusst das limbische System? Körperbewegungen! Über Körperbewegungen können wir also Einfluss auf unser Denken nehmen. Es gilt in der modernen Hirnforschung folgende Regularität:

„Wenn 2 Gelenke sich bewegen, kann das Gehirn nicht mehr kompliziert denken“2

Wir haben ein Problem, wenn wir eine zu starke Erregung erleben, oder (und) an der Erregung festhalten. Die Lösung lautet:

„Von Gedanken zu Gelenken“.

Und dann wurde an jenem Samstag Musik in 6/8 Takt aufgelegt und die Bewegungen ausprobiert…zunächst bewegten wir den Kiefer, formten „ba ba ba ba“-Laute, dann kamen die Schulter dazu. Wenn wir Kiefer und Schultern in Bewegung halten, verhindern wir schon mal „Schlimmeres“, denn das sind die Erregungsspeicher par Excellence. Diese regelmäßig rhythmisch zu lockern/ leeren, kann schon viel bringen. Der Kiefer sollte sich weiter bewegen, wenn wir nun auch die Ellenbogen und Handgelenke bewegten. Ein mittelmäßig fröhlicher Gesichtsausdruck schadet dabei nicht! Wir nahmen Hüfte, Knie und Füße dazu. 4 Takte Bewegung, 2 Takte Pause. Dieser 6/8 Takt soll besonders günstig für unsere Entspannung sein. Aus ungewohnten Bewegungen wurde ein individueller Groove. Und tatsächlich: Nach einer Weile kam ein gutes Körpergefühl. Ich entschied mich mitten im „Getanze“ dafür, dieses simple „Gelenke-Bewegen“ in meinen Tagesablauf einzubauen. Und jedes Mal, wenn ich Aufregung spüre, die Kiefer und Schultern tänzerisch zu bewegen. Die Bewegungen können sehr subtil sein und so auch im „echten Leben“ Verwendung finden. Du wirst also nicht erleben, wie ich anfange, Walzer zu tanzen, wenn du mich ärgerst. Geübte, entspannte Augen erkennen aber wohl in hitzigen Situationen ein leichtes „ba ba ba ba“ meiner Lippen.

1(1. in einen Körperbereich 10 sek lang hineinspüren/ 2. einen Körperbereich 10 sek lang dehnen/ 3. einen Körperbereich 10 sek lang anspannen)

2Dr. Bergholz verwies hier auf die Arbeit von Dr. Peter Bolen und Prof. Gerald Hüther. Ich habe ihre Studien nicht gelesen, kann also nichts Näheres dazu sagen.